Ausgezeichneter Klassiker
B-Trompete "Orchestermodell" von Meister Martin Schmidt, Potsdam

Von Günther Stein

Es gibt sie noch, die kleinen Blechschmieden in Deutschland, die immer wieder mit ihren hervorragenden Instrumenten auf sich aufmerksam machen und durch besondere handwerkliche Qualität überzeugen können. Eine von ihnen ist die Werkstatt von Meister Martin Schmidt in Potsdam. Seit 1988 werden in dem Zwei-Mann-Betrieb Trompeten hergestellt, die Kunden kommen aus dem Profi- und Amateurbereich im In- und Ausland.

Neben Schloss Sanssouci, Chinesischem Haus und Friedenskirche bietet die Stadt Potsdam dem Besucher eine wunderschöne Altstadt, dessen markantester Teil beim Vorübergehen kaum zu übersehen ist: das "Holländische Viertel". 134 Häuser aus rotem Backstein bilden ein ganzes Viertel im holländischen Stil, wie es außerhalb der Niederlande nicht noch einmal zu sehen ist. Die um 1740 entstandenen Häuser sollten ursprünglich Arbeiter aus den Niederlanden nach Potsdam locken. Heute finden sich in den Häusern hauptsächlich Boutiquen, Antiquitäten-Händler und Restaurants, doch auch Handwerker haben sich angesiedelt: In dem Haus Benkertstrasse 11 findet sich zum Beispiel die Werkstatt des Blechblasinstrumentenbauers Meister Martin Schmidt.
Die Werkstatt von Martin Schmidt gehört zu den kleinen aber feinen Adressen für Trompetenbau in Deutschland. Seine Ausbildung absolvierte Schmidt 1977 - 1979 in Markneukirchen im Handwerksbetrieb Firma Wolfram. Von 1979 - 1987 arbeitete er in verschiedenen Markneukirchener Handwerksbetrieben, 1982 legte er seine Meisterprüfung ab. Im Februar 1988, also noch zu DDR-Zeiten, eröffnete Martin Schmidt den eigenen Betrieb in Potsdam, wo anfangs besonders Reparaturarbeiten und die Anfertigung von Trompeten und Hörnern im Vordergrund standen. Ab ca. 1990 spezialisierte sich der Betrieb auf Trompeten- und Flügelhornbau.
Besonders in der Berliner und Potsdamer Orchesterlandschaft wird Martin Schmidt als hervorragender Handwerker sehr geschätzt, von Profis und Laien werden Schmidt Instrumente im In- und Ausland gespielt.
Der Zwei-Mann-Betrieb kann auf ein beachtliches Angebot an verschiedensten Trompeten verweisen, neben verschiedenen Drehventil-Trompeten-Modellen (Flügelhorn, Piccolo, B-und C-Trompeten) sind auch Périnet-Instrumente auf der Produktliste.

B-Trompete "Orchester-Modell"

Mit seiner B-Trompete "Orchester-Modell" möchte Schmidt besonders auf die Bedürfnisse von Orchestermusikern eingehen, die sich einen großen, vollen Sound wünschen, ohne auf leichte Spieleigenschaften verzichten zu müssen. In seiner Produktpalette bildet sein "Orchester-Modell" einen Mittelweg: das Modell steht zwischen dem traditionell eng mensurierten "Heckel-Modell" und der B-Trompete "Weite Mensur". Wem die "Heckel" also zu hell klingt und die "Weite Mensur" zu dumpf, der greift zum "Orchester-Modell". "Alle unsere Instrumente werden nach traditionell handwerklichen Verfahren gefertigt." - nicht ohne Stolz schreibt mir Martin Schmidt diesen Satz in einer eMail, nachdem ich die Trompete per Post erhalten habe. Nachdem ich das Paket geöffnet habe, wartet eine erste Überraschung auf mich: die Trompete ist in einem originellen Koffer verstaut, der allein für Schmidt-Trompeten hergestellt wird. Nachdem Martin Schmidt mit dem Angebot an Trompeten-Etuis nicht zufrieden war ließ er kurzerhand bei einem Geigenkastenbauer aus dem Vogtland ein eigenes Modell entwickeln. Der gebogene Deckel des Etuis erinnert etwas an einen kleinen Geigenkasten, auch der seitliche Reißverschluss und die Ummantelung mit Druckknöpfen lässt zunächst auf einen Geigenkoffer schließen. Doch beim Öffnen des Koffers wird klar: durch den runden Deckel können auch Trompeten mit großem Schalldurchmesser in dieses kleine Etui hineinpassen, wobei die Maschine fest gehalten und das Schallstück frei liegt. Somit können keine Schäden wie verbogene Stützen oder eingedrückter Schallbecher entstehen. Verblüffend außerdem: so sicher und fest das Etui ist, so leicht ist es auch. Ein wirklich sicherer und handlicher Koffer und echter Eyecatcher obendrein!

Der erste Eindruck der Trompete ist nicht minder positiv: selten sieht man ein derart schönes und ästhetisch gearbeitetes Modell. Es liegt sehr gut in der Hand, Trigger und Überblasklappe sind einwandfrei zu erreichen. Das Instrument ist komplett aus Goldmessing gefertigt und versilbert, gegen einen Aufpreis von knapp 500 Euro ist es auch vergoldet zu haben. Der Schallbecher (ein einteiliges Schallstück mit Längsnaht) hat einen Durchmesser von 135mm mit französischem Rand. Dieses Schallstück gehört serienmäßig zum "Orchester-Modell", Martin Schmidt bietet aber alternativ aber auch einen Neusilberkranz an, wie er serienmäßig bei seinen "Heckel"-Modellen vorhanden ist. Die Materialstärke von 0,5 mm ist dem Konzept des Orchestermodells angemessen, aber auch hier kann von Herstellerseite her auf Kundenwünsche eingegangen werden: die Materialdicke ist von 0,35 mm bis 0,70 mm möglich. Als Material steht neben Goldmessing (85% Kupfer) Messing (72% Kupfer) oder Rotmessing (90% Kupfer) zur Auswahl. Auch die große Bohrung von 11,5 mm passt genau in das Konzept eines Orchesterinstrumentes mit großem, vollen Ton. Das Modell "Weite Mensur" hat übrigens ebenfalls die große Bohrung gegenüber dem "Heckel-Modell" mit 11,2mm.
Schmidt verwendet für seine Trompeten die bewährte Meinlschmidt-Maschine mit Druckplatten in Tropfenform. Sie ist aus Neusilber gefertigt und mit "SW 4"-Gelenken ausgestattet. Auch die Innen- und Außenzüge sind aus korrisionsbeständigem Neusilber gefertigt. Serienmäßig ist ein Trigger für den 3. Ventilzug angebracht, der Hebeldrücker lässt sich spielend leicht und präzise bewegen. Neben der Wasserklappe am Stimmzug befindet sich am 3. Ventilzug eine weitere, die einfaches und schnelles Wasserentleeren ermöglicht. Die C-Klappe, deutliches Merkmal einer Profi-Trompete, ist bei allen Orchestermodellen ohne Aufpreis angebracht.
Ein weiteres Merkmal für eine Trompete für Bläser mit hohen Ansprüchen ist das wechselbare Mundrohr. Alle Trompeten aus der Werkstatt von Martin Schmidt werden inklusive einem Mundrohr (Größe ML = mittelweit) ausgeliefert, das parabelförmig/konisch gezogen und passend für alle gängigen Mundstücke konzipiert wurde. Doch auch Sonderwünsche bringen den Tüftler Schmidt nicht in Verlegenheit: auch in den Weiten small, medium, medium large und large sind zylindrische, konische und parabolisch/konische Mundrohre erhältlich. Für Spezialisten mit Monette-Mundstücken und ihrem charakteristischen kurzen Schaft können ebenfalls Spezial-Mundrohre angefertigt werden. Ein optimales Mundrohr, so versichert mir Martin Schmidt, kann nach Erhalt des Mundstücks individuell angefertigt werden.
An der Mundstückaufnahme fällt eine massive Mundrohrzwingen auf, die charakteristisch für Trompeten von Martin Schmidt sind. Diese Oberzwingen sind in Gewicht und Design von Instrument zu Instrument unterschiedlich, und werden je nach Klangkonzept und der Balance des einzelnen Modells in Verbindung mit der Mundrohrlänge angebracht. Durch dieses zusätzliche Gewicht soll eine stabilisierende und zentrierte Verbindung vom Mundstück zum Instrument geschaffen werden.
Bei dem vorliegenden Orchester-Modell und der Trompete "weite Mensur" haben diese Mundrohrzwinge einen Durchmesser von 16mm, was zum einen in dem Klangkonzept und zum anderen in der großen Bohrung (11,5 mm) begründet ist.
Neben allen klanglichen Erwägungen dienen diese Oberzwingen auch zur besseren Handhabung der wechselbaren Mundrohre.

Anblastest

Der Testtrompete hat Schmidt ein gutes Mundstück beigelegt (JK Exklusive 3C), dass den dunklen Charakter der deutschen Trompete besonders unterstreicht. Für den Test habe ich jedoch mein eigenes aufgebohrtes YAMAHA 17C4 GP Mundstück verwendet, dass sich bei mir in meiner Tätigkeit im Orchester sehr bewährt hat.
In Sachen Sound hat das "Orchester-Modell" eine Menge zu bieten, mit der Modellbezeichnung hat der Hersteller nicht zu viel versprochen: schon mit den ersten Tönen offenbart sich ein unverwechselbarer Charakter, der mir sehr ausgereift erscheint. Kein Wunder: Die Instrumentenmodelle entstehen im engen Kontakt mit Musikern, das Feedback seiner Kunden ist Martin Schmidt sehr wichtig. Außerdem nutzt Schmidt das am Institut für Wiener Klangstil (IWK) entwickelten Blas-Instrumenten-Analyse-Systems (BIAS), mit dem eine genaue, sichtbare Kontrolle der Klangschwingungen möglich ist.
Der Klang des Instruments ist sehr frei, groß und zentriert und bietet ein hervorragendes Spielgefühl. Besonders charakteristisch ist aber das strahlende, leuchtende Timbre, das jedoch nicht zu aufdringlich wirkt sondern im Gegenteil dem Ton besonderen Glanz verleiht. Von Beginn an fühlt man sich dem Klang sehr nah verbunden, die Luft fließt sehr leicht durch das Instrument und man hat das Gefühl, die ganze Trompete schwinge mit. Auf meine Nachfrage erklärt mir Martin Schmidt hierzu: "Unsere Erfahrungen zeigen, dass fest verlötete Verbindungen, im Zusammenhang mit einem absolut spannungsfreien Zusammenbau, die Instrumentenschwingungen am besten über das gesamte Instrument gleichmäßig verteilen." Also hat mich mein Gefühl nicht getäuscht, so spannungsfrei die Trompete konstruiert ist, so frei lässt sich darauf spielen.
Die Intonation des Orchester-Modells ist sehr ausgeglichen; ein kleiner Wermutstropfen ist nur das auffallend scharfe g2 - ein Phänomen, das jedoch bei vielen deutschen Trompeten anzutreffen ist.
Beim Test mit ausgewählten Orchesterstellen (ohne Orchester) im Konzertsaal kann das "Orchester-Modell" ebenfalls punkten: Signale (Leonore, Carmen, Pique Dame) gelingen äußerst prägnant und kernig, bei extremen Stellen (Mahler-Sinfonien) Alpensinfonie, Bartok: Konzert für Orchester) kommt besonders der strahlende Klang der Trompete voll zur Geltung. Auch bei lyrischen Stellen (Don Pasquale, Lustige Weiber) kann die Trompete voll überzeugen, der Klang ist wunderbar färbbar und flexibel. Bei technisch anspruchsvollen Stellen (Sinfonia Domestica, Petruschka) hilft die präzise Ansprache die Klippen zu umschiffen. Bei besonders sonor angelegten Stellen (Carmen Vorspiel, Bruckner Sinfonien) kann der präsente und volle Klang ebenso bei mir als Bläser und bei eingeladenen Test-Zuhörern Anklang finden.
Im Orchester und also im "Ernstfall" zeigt sich ein sehr positives Bild: in Tutti-Passagen kann sich die Trompete hervorragend in den Gesamtklang des Orchesters einfügen, während sie bei exponierten Stellen "den Laden" ohne Probleme und ohne übermäßige bläserische Anstrengung anführen kann. Eine außerordentliche Eigenschaft, die man nicht bei allen deutschen Trompeten finden kann.

Fazit

Das "Orchester-Modell" macht seinem Namen alle Ehre: es ist für den Einsatz in Orchestern konzipiert, und ist ideal für dieses Betätigungsfeld. Martin Schmidt stellt hier ein Trompeten-Modell vor, das dem Musiker in Sachen Klang und Ansprache beste Voraussetzungen bietet. In jeder Tonlage und Lautstärke ermöglicht die Trompete eine gleich bleibende Präzision der Ansprache und eine klar definierte Projektion des Klanges in den Raum. Das Spielgefühl ist sehr angenehm und erlaubt einen klaren und reinen Ton, der zwar strahlend klingt aber nie zu aufdringlich wirkt. Wer einen besonders obertonreichen, breiten und hornigen Sound bevorzugt, der sollte vielleicht eher das Modell "Weite Mensur" antesten, welches diese Eigenschaften eher vertritt.
Die Verarbeitung der Trompete aus dem Hause Schmidt ist hervorragend und zeugt von bester und qualitätvoller Handwerkskunst.
Alles in allem braucht sich das "Orchester-Modell" nicht vor Instrumenten von der großen Herstellern verstecken, im Gegenteil: in Sachen Klang und Ansprache kann es ganz vorne mitmischen und verdient mehr Beachtung!

Pro:
        - beste handwerkliche Verarbeitung
        - hervorragend in Klang, Ansprache und Spielgefühl
        - ausgeglichene Intonation
        - beste Voraussetzungen für die Arbeit im Orchester

Produktübersicht und Preise

Hersteller:                 Martin Schmidt, Meisterwerkstatt für Metallblasinstrumente, Potsdam

Modellbezeichnung:   B - Trompete, Orchester - Modell versilbert

Technische Daten:     Goldmessing, Schallbecherdurchmesser 135mm,
                                Materialstärke 0,5mm, Bohrung 11,5 mm,

Ausstattung:              Meinlschmidt-Maschine, Trigger für 3. Ventilzug,
                                Wasserklappe am Stimmzug und 3. Ventilzug, Überblasklappe,
                                wechselbares Mundrohr

Lieferumfang:            Instrument inkl. Mundrohr, Mundstück, Pflegemittel

Preis:
            Instrument versilbert: 2.548,00 €
            Instrument vergoldet: 3.014,00 €
            Aufpreis Luxusetui Schmidt : 234,00 €
            extra Mundrohr : 135,00 €